Google Latitude: Wo bist du, wo warst du, wo sind deine Freunde?
thomasjweiss am 11.11.2009 um 17:03 Uhr

Im offiziellen Mobile Blog kündigt Dienstleister Google an: Er hat seinem erst wenige Monate altem Angebot Latitude einige neue Funktionen hinzugefügt. Nun lässt sich in einer Verlaufsgeschichte festhalten, welche Orte ein Anwender nacheinander besucht hat. Solche Reiserouten lassen sich für Google Maps und Earth und für andere Dienste exportieren, außer dem angemeldeten Anwender selbst sieht sie keiner - außer Google eben. Die Verlaufsgeschichte lässt sich im Browser einsehen und bearbeiten.
Latitude lässt sich im iPhone als komfortable Web-App aufrufen: So lange der Browser läuft, schreibt Google fleißig Koordinaten mit. Im Google Blog lobt einer der Entwickler: "Ich habe mich dabei ertappt, die Zeit zurückzudrehen und dabei Dinge zu entdecken, die anders unmöglich gewesen wären. Als ich beispielsweise in diesem Sommer zurück vom Lake Tahoe gekommen bin, habe ich an einem herausragenden Grillplatz gehalten. Aber ich konnte mich an den Namen nicht mehr erinnern, als mein Freund mich ein paar Monate später danach fragte. Ich habe in meiner Location History nachgeschaut ..."
Google geht aber noch einen Schritt weiter: Wer Freunde hat, die ebenso offenherzig mit ihren Daten umgehen, kann sich bei gegenseitigem Einverständnis mit ihnen verbinden und ihren aktuellen Standort einsehen, wann immer sie online sind. Das iPhone allerdings schließt den Browser im Regelfall nach kurzer Zeit automatisch. Die Verlaufsgeschichte von Bekannten lässt sich nicht einsehen - lediglich deren aktueller Standort.
Neu ist nun: Ist die Verlaufsgeschichte eingeschaltet, kann Google diese analysieren und anhand regelmäßig besuchter Orte erkennen, wo der Arbeitsplatz, Stammkneipe und das Zuhause eines Anwenders sind. Da Bekannte diese im Regelfall kennen, sind sie nicht weiter von Interesse - außer vielleicht die Stammkneipe.
Treffen allerdings zwei vebundene Latitude-Benutzer an Orten aufeinander, an denen sie nicht regelmäßig verkehren, kann sie eine SMS oder E-Mail darüber informieren.
Sie haben dann jeweils zwei Möglichkeiten: aufeinander zugehen oder die Beine in die Hand nehmen und abhauen.
Bis Google regelmäßig und unregelmäßig besuchte Orte voneinander unterscheiden kann, soll laut Anbieter (bei regelmäßiger Anwendung) bis zu einer Woche vergehen.
Auf dem iPhone ruft man Latitude ebenso im Browser auf wie auf dem Mac. Die neuen Features lassen sich unter google.com/latitude/apps zuschalten. Voraussetzung ist lediglich ein Google-Account, eine Liste weiterer unterstützter mobiler Geräte hält der Anbieter bereit.
Externe Links:
- Official Google Mobile Blog
- Google - Latitude
- Google - Latitude Apps
einhamburgerjung am 11.11.2009 um 17:25 Uhr
Tolle Idee! Und dann bekomme ich gleich noch Werbeeinblendungen zu tollen Angeboten im Shop nebenan! Aber ich bin sicher, die Facebook-Generations wirds lieben...
marc69 am 11.11.2009 um 17:27 Uhr
Hey, jetzt weiss Google nicht mehr nur, was Du im Internet suchst, oder was Du wem mailst, sondern auch wo Du gerade bist, wo du Einkaufst oder in welchem Restaurant Du isst.
Mit dem Erwerb von AdMob ist da doch präzise, bedarfsgerechte und personalisierte Werbung möglich. Take care, Big Google is watching you....
PowerPc am 11.11.2009 um 19:03 Uhr
und genau so sieht es aus ÜBERWACHUNG wo es nur geht am besten noch mit unserer unterstützzung...?!?
wäre eher vorsichtig mit solchen tools
bluenix am 11.11.2009 um 17:42 Uhr
tja, auf dem stationären mac daheim bringt das ja nix. und am iPhone auch kaum, denn wenn ich den bericht richtig verstanden habe, merkt google das nur, wenn die web.app läuft.
ich renn doch nicht durch die gegend und rufe alle 20 minuten die webapp auf, nur damit mein standort registriert wird. (mal abgesehen davon, dass das sowieso niemanden etwas angeht)
also von googles seite her zwar schön durchdacht - auf der endgeräte-seite aber fehlt es noch an entsprechender implementierung, wenn das wirklich sinnvoll (also lückenlos) aufgezeichnet werden soll. ich schätze mal, die android-geräte werden das bald können und in der iPhone OS 4.0 wird es dann auch kommen, wenn Maps aktualisiert wird und navigieren lernt. Und ich bin mir auch sicher, dass man dann in den Einstellungen für Maps diese "Log-Funktion" auch deaktivieren kann.
Fazit für mich: Ich hab nix gegen Google. Sollen sie ruhig sammeln, solange ich das kontrollieren kann. Und wenn sie das mit ihren Werbestrategen dann noch besser auswerten können - auch gut. Damit verdienen sie ja Geld. Nur möchte ich mir die Freiheit behalten, da selbst zu entscheiden, ob sie mit mir auch verdienen oder nicht. Aber ist definitiv ne Innovation und ich find's gut, dass sie sich immer neue Gedanken machen.
thomasjweiss am 12.11.2009 um 07:57 Uhr
Ich bin kritisch, was die Sammelwut von Google angeht. Was aber die Innovation angeht, finde ich Google vorbildlich - macnews.de berichtet ja immer wieder über die Neuerungen. Die neuen Latitude-Funktionen funktionieren auf dem iPhone nur eingeschränkt, weil hier keine Tasks im Hintergrund ablaufen können. Auf anderen Endgeräten ist das einfacher. Ein Log-Funktion in einer kommenden Maps-Version könnte ich mir auch vorstellen. Die könnte aber auf Wunsch lokal speichern und nur als Option mit Google abgleichen. In der Praxis macht die Option, sich über Bekannte in der Nähe informieren zu lassen, aber nur Sinn, wenn sehr viele Leute aus dem Umfeld Latitude benutzen.
martinio am 12.11.2009 um 10:32 Uhr
"Nur möchte ich mir die Freiheit behalten, da selbst zu entscheiden, ob sie mit mir auch verdienen oder nicht." Sehe ich auch so. Das Problem ist (aus meiner Sicht) der soziale Druck, den derartige Anwendungen häufig nach sich ziehen. "Hey, wir sind alle bei Facebook, nur Du nicht. Jetzt muss ich immer, wenn ich allen 'ne Info schicken will, ob jemand mit ins Kino kommt, extra daran denken, Dir noch zusätzlich eine E-Mail zu schreiben. Ist echt nervig, Mann. Melde Dich mal bei Facebook an." Und schon meldet man sich bei Facebook an. Man will ja seine Freunde nicht nerven. So ähnlich wird es einem mit Google Latitude wohl auch ergehen. Klar, man kann dann immer noch entscheiden, ob man da mitmacht. Aber zur großen Spaßbremse will man ja auch nicht unbedingt werden. In meiner Generation (Freundeskreis im Alter zwischen Anfang 30 und Ende 40) ist das vielleicht noch nicht so schlimm, aber unter Jugendlichen wird sich dem Druck wohl kaum jemand entziehen mögen.
Lynhirr am 11.11.2009 um 18:50 Uhr
Der Autor des Werkes 1984 hat sich mächtig vertan. Es braucht keine Diktatur um völlige Überwachung herzustellen. Nur eine Firma, die freundlich vielfältige Überwachungstools anbietet - und eine Web 2.0 Gesellschaft, die diese begeistert einsetzt.
PowerPc am 11.11.2009 um 19:04 Uhr
:) WORD
wurzer am 11.11.2009 um 20:15 Uhr
Ich kann auch nicht begreifen, dass die Überwachung zu freimütig akzeptiert und dabei oft auch Selbstbestimmung aufgegeben wird.
Hm, also bei aller berechtigten Kritik an Datensammelwut und Überwachung, etc., sollte man nicht vergessen, dass die meisten von uns schon seit Jahren alle persönlichen Daten, die komplette Kommunikation und sämtliche Ortsangaben ständig an eine Firma übermitteln: Apple.
Spätestens wenn man MobileMe nutzt und auf so nützliche Features wie Push-Dienste, "Find my iPhone" oder "Back to my Mac" nicht verzichten will, gibt man schon jetzt bereitwillig über so ziemlich alles Auskunft, was man so macht und was einen bewegt.
Auf Google rumzuhacken und gleichzeitig anderen Firmen vollen Zugriff auf ALLES zu gewähren, wirkt seltsam.
ibaschi am 11.11.2009 um 19:57 Uhr
ist es denn so, dass die meisten von uns mobileme benutzen?
Ich würde schon davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Leser hier MobileMe benutzen, ja.
Nachtrag:
Ausserdem stellt sich die Frage, ob Apple nicht auch ohne MobileMe - rein theoretisch - die Möglichkeit hat, jederzeit Daten abzurufen - ohne jetzt solche Absichten oder bösen Willen unterstellen zu wollen.
martinio am 12.11.2009 um 10:38 Uhr
Wahre Worte, tomix. Da sollte ich wohl selbst auch mal drüber nachdenken. Allerdings sehe ich schon noch einen gewissen Unterschied darin, dass die Daten wirklich nur mir und Apple "zur Verfügung" stehen. Main Mailprovider GMX "weiß" noch viel, viel mehr über mich als Apple. Aber übertreibt man es nicht doch ein wenig, wenn man daraus ein Problem macht? Und wenn ich erst mal daran denke, was mein Handy-Provider alles über mich "weiß", Mannomann. Aber das Problem sind für mich weniger Firmen, die irgendwo in ihren Systemen Informationen über ihre Kunden haben, die sie nicht verwerten (dürfen). Problematischer finde ich es, wenn diese Informationen genutzt werden, um mir z.B. bestimmte Werbung anzuzeigen, um mein Verhalten anderweitig auszuwerten oder meinen Aufenthaltsort öffentlich bekannt zu geben (wobei das mit dem "öffentlich" bei Google Latitude ja auch stark eingeschränkt ist).
Santa am 12.11.2009 um 07:51 Uhr
ein Traum für unseren Rollstuhlfahrer - jetzt Finanzminister -
Gleich in die Vorratsdatenspeicherung mit aufnehmen und wenn man zufällig einem potentiellen Bombenleger näher als 1km kommt wird man sofort eingebuchtet, quasi als neuartige terroristische Online-Vereinigung. Klasse das!
Aber es wird genug dumme User geben die das total geil finden und sich dafür frei schalten lassen.
Das nächste Vorstellungsgespräch kann dann so ablaufen:
"Herr Müller - sie halten sich verdächtig oft in der Hansestr.45 auf - ist da nicht ein Schwulen-Club ansässig? Laut ihrem Bewegungsprofil besuchen sie auch sehr oft die Nobelboutique in der Walengasse 13. Ich denke, ihre Gehaltsvorstellung wird so nicht haltbar sein bei ihren Lebenshaltungskosten. Nur Markenprodukte in ihrem Einkaufswagen - wie uns Payback übermittelt hat........"
Wow.
rcristofrf am 12.11.2009 um 09:36 Uhr
Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Überwachungsgesellschaft und jeder überwacht jeden. Wird diese "Transparent Society" dazu führen, daß es weniger kriminalität gibt, oder führt dies nicht vielmehr in eine Gesellschaft des totalen Mißtrauens, in der die Persönlichkeitsentwicklung, die mutige politische Partizipation und das Engagement für eine freie und demokratische Gesellschaft mehr und mehr eingeschränkt wird und verkümmert, weil es keine Vertraulichkeit, keine Privatssphäre, keine geschützten Räume, keine Rückzugsmöglichkeiten mehr gibt?
Ich will in einer solchen Gesellschaft nicht leben: http
martinio am 12.11.2009 um 10:41 Uhr
"Freiheit statt Angst" finde ich gut. Wobei ich auf der Website eine Menge Ängste sehe (die sicher nicht alle unberechtigt sind). Na ja, "Angst vor Unfreiheit" wäre als Name irgendwie ja auch uncool...




